Montag, 16. November 2015

Beziehungen und ihre Anpassungen (Fortsetzung)

Nehmen wir jetzt mal die Extreme beiseite und beschäftigen uns mit Beziehungen. Vorrangig Liebesbeziehungen.
Es gibt in dieser Gesellschaft Normen, wie eine Beziehung sein sollte. Es herrschen meist noch die klassischen Vorstellungen von einer Frau und einem Mann. Obwohl heutzutage lesbische Liebesbeziehungen fast schon zur Normalität gehören, werden zwei sich liebende Männer im Allgemeinen noch schief angesehen. Im Generellen jedoch wird Homosexualität immer anerkannter in der Gesellschaft. Man verurteilt es nicht mehr als unmoralisch oder Abschaum, wie es einmal war. So hat sich die Gemeinschaft der gleichgeschlechtlichen Paare durch Einsicht und Toleranz der „Normalen“ integrieren können. Der Prozess der Akzeptanz dauert noch ein wenig an, aber ich denke, dass es bald schon etwas ganz normales sein wird.
Wie sieht es mit der Anpassung untypischer Beziehungstypen in die Gesellschaft aus? Am eigenen Leibe darf ich oft mitbekommen, dass wir doch nicht so tolerant sind, wie wir es vielleicht behaupten mögen. Ich lebe in 2 Beziehungen – eine Frau und ein Mann. Sie selbst führen zueinander keine Liebesbeziehung. Meine Empfindungen begrenzen sich nicht nur auf eine Person, sondern weiten sich auf mehrere aus. Das heißt, dass ich zu mehreren Personen Liebe empfinden kann. Oft wird dies verrufen, weil man „nur einen richtig lieben kann“ oder sich einfach nicht entscheiden möchte. Da frage ich mich: Warum sollte ich mich entscheiden? Wenn ich meine Liebe zu mehreren Personen ausweiten kann, warum soll ich es nicht machen? Mein Beziehungstyp erfordert, was die meisten vergessen, viel Arbeit. Es ist bei zwei Partnern der doppelte Aufwand an Emotionen, an Zeit und an Stress. Es ist aber auch meist die doppelte Liebe, die man erhalten kann. Meine Partner wissen von einander. Wir Polys leben von Transparenz und Ehrlichkeit. Kommunikation ist der wichtigste Schlüssel zum Erfolg einer polyamoren Beziehung. Es ist von dem Begriff der Polygamie ein Stück weit abzugrenzen, da jeder Partner nach Möglichkeit weitere Beziehungen führen kann. Es ist ein freiwilliges Bündnis, in dem jeder über seine Grenzen selbst entscheiden kann und aus dem man jeder Zeit „austreten“ kann.
Trotz der einvernehmlichen Zustimmung aller beteiligten Personen wird es in der Öffentlichkeit verrufen. Es zählt kaum, ob jeder mit sich selbst und der Situation zufrieden ist; die Meinung der Masse dominiert. „Das kann nicht funktionieren.“, „Das ist vollkommen falsch und unnatürlich.“, „Ihr empfindet keine wahre Liebe“ und andere Aussagen treffen andere oft, ohne sich einmal mit dem Thema befasst zu haben. Kommen wir zu dem Punkt der Anpassung. Sollten sich Polys in eine Gesellschaft anpassen, die sie verachtet und ihre Gefühle als unmöglich erachtet? Sollten diese Beziehungen geheim gehalten werden, weil sie als unnormal zählen? Ich denke nicht. Wenn wir versuchen uns in eine intolerante Gesellschaft einzupassen, bleibt es bei diesem verachtenden Bild über diese alternative Form der Liebe. Wäre es nicht sinnvoller je nach Möglichkeit von uns zu berichten und zu zeigen, dass es uns gut tut und wir damit mehr als zufrieden sind?
Ich lebe diese Einstellung. Zwar bekommt es nicht jeder von mir aufgebunden, aber wenn sich das Thema ergibt leugne ich nichts. Meistens wird nicht nachgefragt, weil „meine Freundin“ im Sprachgebrauch oft „eine Freundin“ ist. Es wird davon ausgegangen, dass ich von einer meiner Freundinnen erzähle, aber das ist nicht der Fall. Wenn ich dann nach meinem Partner gefragt werde, erzähle ich von meinen beiden Partnern. Wieder anderen erzähle ich es von mir aus – ohne gefragt zu werden. Ich passe nicht in diese Gesellschaft, aber das scheint mein Leben geworden zu sein. Ich verlange oft eine gewisse Akzeptanz meiner Situation. Mir ist bewusst, dass sie nicht immer sofort verstanden werden kann. Es ist mein Lebensstil und ich muss es leben. Menschen, denen ich wichtig bin versuchen es zu verstehen und stehen mir bei. Andere haben sich von mir abgewandt. Ich finde Gefallen an der Ehrlichkeit auch wenn ich auf Misstrauen und große Augen stoße. Es ist etwas Besonderes. Ich bin besonders. Meine Beziehungen sind es. Für Außenstehende oft besonders falsch oder besonders unbrauchbar, aber sie bleiben besonders. Ich verwirkliche mich selbst auf einer Art, wie sie nicht jeder kann. Ich bin stolz auf meine „Anpassung“. Es ist gefährlich sich nicht anzupassen, aber das riskiere ich, wenn ich dann wenigstens ICH selbst sein kann. Die Gesellschaft passt sich früher oder später auch an.

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