Donnerstag, 24. September 2015

Besser - aber nie mehr wie früher

Entgegen der meisten Meinungen besuchte ich meinen Kryptonit ohne ihn zu informieren. Ich träumte die Nacht zuvor wieder von ihm und ich konnte diese Sehnsucht nicht mehr aushalten. Mein Vermissen wuchs ins Unermessliche. Ich wollte ihn noch einmal sehen, bevor er das Land für ein halbes Jahr verlässt. Aber wie? Wenn ich ihn angerufen hätte, würde er mich zurückweisen und sagen, dass er keine Zeit hätte. Zum Schreiben fehlten mir die Worte und um ihn zu besuchen, hatte ich zu wenige Informationen. Ich wusste nicht, ob und wann er noch einmal Zuhause sein würde. Ich wusste nicht, ob er allein ist und ich war mir nicht sicher, ob er mich sehen mochte. Dennoch stieg mein Gefühl der Sehnsucht weiter. Er hatte einen schmerzlichen und bleibenden Eindruck hinterlassen. Damals machte er mir mehr als klar, dass er keinen Kontakt mehr mochte und in mir brach etwas zusammen. Es brach etwas zusammen, was ich wieder zu flicken versuchte. Es gelang mir nicht.

Meine einzige Möglichkeit war es, ihn nochmal zu sehen. Wenn er mich wieder zurückweisen würde, weiß ich, dass alle Hoffnungen nach ihm eine Illusion waren und werde es leichter schaffen, dieser zu entkommen. "Und wenn er dich nicht zurückweisen wird?", sagten mir meine engsten Personen. Sie wussten, wie sehr ich mich nach ihm sehnte und hatten Angst von mir weggestoßen zu werden, falls er mich doch wollen würde. Sie rieten mir, einfach ohne ihn weiter zu machen oder mich vollkommen abzunabeln. Ich sollte versuchen, ihn zu vergessen und nach einem Ersatz für ihn suchen. Ich fühlte mich so unverstanden. Ich wusste, dass aus ihnen die Ängste sprachen, aber ich dachte auch, dass sie meine Sehnsucht nach ihm einordnen könnten. Es war paradox von ihnen Verständnis zu erwarten. Also informierte ich sie, dass ich ihn sehen möchte und danach möglicherweise in ein tiefes Loch fallen würde, falls er mich ablehne. Sie sagten, ich solle es nicht tun und dass ich vorsichtig sein sollte, falls ich es doch tat.

Ich tat es.
Ich besuchte ihn ohne Vorwarnung. Auf dem Weg dorthin bekam ich Angst und zitterte ich immer stärker. Mein Fahrer, ein neu gewonnener Freund, beruhigte mich und meinte, dass er in der Nähe bliebe, falls es schief gehen sollte. Ich stieg aus dem Wagen und lief zur Haustür. Nach 3 Sekunden und hunderten Gedanken klingelte ich. Ich hoffte, dass er da war, aber ich konnte nicht sagen, wie ich reagieren würde, wenn er wirklich öffnet. In diesem Moment ging die Tür auf. Er lächelte und sprach überrascht meinen Namen. Er bat mich nach innen und fragte, ob ich einen Tee trinken mochte. Da stieg mir sein Geruch in die Nase. Genau wie ich ihn in Erinnerung behielt. Ich zitterte noch immer während er den Tee bereitete und sagte, dass es zwar überrascht, aber sehr erfreut über meinen Besuch sei. Ich umarmte ihn. Es war himmlisch, aber viel zu kurz. Dann fingen wir an zu reden. Über alles. So wie es schon immer war. Trotz meinem Vertrauen ihm gegenüber wirkte das alles so befremdlich. Ich hatte ihn so vermisst und ich würde es weiter tun. Ich sagte ihm, dass mich seine Abwesenheit sehr verletzte und ich oft von ihm träumen musste. Er entschuldigte sich. Er wusste nicht, dass es so etwas starkes in mir auslösen würde. Er dachte damals, dass es das Beste für uns gewesen sei. Ich hörte ihm gespannt zu und er lauschte mir. Er fragte nach. Er schien sich wirklich zu freuen und sich für mich zu interessieren.

Nach einer Tasse Tee und so vielen Themen in der Kürze der Zeit, bat er mich zu gehen. Ich wusste, dass er sehr im Stress sein würde, wenn ich käme und so freute ich mich über die halbe Stunde, die er sich für mich Zeit nahm. Ich ging und fühlte mich so viel unbeschwerter als zuvor. Ich war glücklich. Aber ich war nicht verliebt. Nicht in ihn. Ich weiß, dass es nie wieder so sein wird, wie es mal war. Es ist eine platonische Bindung geworden - keine erotische.
Nach dem Treffen war ich um 200 Prozent fröhlicher, wenn es reichte. Ich war allerdings auch sehr nachdenklich. Ich weiß bis heute, einige Tage später, nicht, was er für mich ist. Ich weiß aber, dass mich dieses Treffen unglaublich stark machte und mir zeigte, dass meine ganzen Zweifel über das Abweisen seinerseits unbegründet war. Ich würde diese Beziehung einseitig halten, wenn ich eine zuließe, aber er würde mich nicht weg stoßen. So kam ich zu folgenden Gedanken:

Ich möchte nicht, das mich jemand wegen einer verflossenen Freundschaft aufgeben muss oder davor Angst hat. Ich mochte ihn nicht zurück haben oder erobern. Ich möchte ihn verarbeiten und muss kein Leben mit ihm haben. Wenn wir uns wieder befreunden, soll es so sein, aber es muss nicht mehr so sein, wie es mal war. Man wächst mit seinen Aufgaben und er ist eine, die mir viel Kraft kostete und noch kosten wird, aber er ist bestimmt nicht mein Lebensinhalt. Auch wenn ich nie aufhören werde, etwas zu empfinden, hat er nicht die Macht über mich zu entscheiden und meine Gefühle zu bestimmen. Nicht mehr. Mir geht es jetzt besser, als ich ihn gesehen habe, ja. Aber ich werde mich nicht mehr von ihm abhängig machen. Ich führe mein eigenes Leben. Er bleibt mein Kryptonit und erlangt eine platonische Liebe. So ist es besser - aber es wird nie mehr so (schön/ intensiv/ bedingungslos) wie früher.

Ich bin sehr froh, auf mein Bauchgefühl gehört zu haben und ihn getroffen habe. Es hilft mir, nicht mehr so sehr trauern zu müssen, wie ich es in dem letzten Jahr tat. Auch wenn ich sehr große Angst davor habe, dass er sich auch jetzt nicht melden wird und mich wieder fallen lässt, habe ich erst einmal wieder Kraft um glücklich weiter zu machen. Meine Freunde und Familie ist für mich da. Und dafür danke ich ihnen. Besonders danke ich den zwei Menschen, die mich lieben und es schaffen in einer Partnerschaft mit mir zu sein. Ihr gehört zu meiner Familie <3 Und so ist es besser und nicht mehr so wie früher. 

Mittwoch, 16. September 2015

Vertrautheit

Vertrauen schenkt man Menschen dann, wenn man sie gut kennengelernt hat und sie einzuschätzen weiß. Man ist sich meist darüber bewusst, welche Wirkung sie auf einen haben und was sie für einen machen würden. Manchen Mitmenschen vertraut man sehr schnell, weil man ähnliche Situationen (meist negative) durchlebt hat oder weil sie einem selbst einfach ähnlich sind. Andere kämpfen über Jahre um unser Vertrauen.
Bei mir ist es meist ein Bauchgefühl, was mich bisher nicht enttäuschte. Anhand eines Treffens hatte ich ein Bauchgefühl und war mir meist sehr zeitig im Klaren, wem ich vertrauen kann. Es kam vor, dass ich bei anfänglicher Unstimmigkeiten eines Besseren belehrt wurde und ich demjenigen doch vertrauen konnte. Vertrauen kann aber auch gebrochen werden. Jeder von uns durfte so etwas schon einmal erleben. Eine Freundin, die etwas weitersagte. Ein Geliebter, der uns verletzte und falsch darstellte. Eine Person, die uns nachhaltig enttäuschte. Doch woran messen wir Vertrauen?

Ist Vertrauen in andere Menschen das Gefühl, was uns entscheiden lässt, was wir wem erzählen? Ist es die zwischenmenschliche Beziehung, die uns bei gewissen Menschen so zeigt, wie wir sind - ohne uns verstellen zu müssen? Oder ist es ganz simpel, der Glaube in eine Person, dass sie zuverlässig und verlässlich ist?

Meiner Meinung nach ist das Vertrauen in Jemanden sowohl die von uns wahrgenommene Verlässlichkeit, als auch das Gefühl über die Sicherheit unserer Worte und Handlungen in Anwesenheit dieser Person. Das Vertrauen beeinflusst die Zwischenmenschlichkeit, was uns anfangs nur als Bauchgefühl und später als fester und möglicherweise begründeter Teil unseres Empfindens für den Gegenüber erscheint. Wir bauen eine Bindung auf, die je nach dem Grad der Vertrautheit schneller oder langsamer gefestigt wird - oder bei Verlust des Vertrauens zerbricht.
Doch kann man das Vertrauen in eine Person verloren haben und später schneller wieder aufbauen können als bei Fremden? Oder hat man zu manchen Menschen aufgrund von vergangenen Empfindungen ein gewisses "Restvertrauen"?

Ich habe die letzten Tage sehr intensiv darüber nachgedacht, weil das Ende meiner ersten Beziehung 7 Jahre her ist, ich jetzt aber wieder Kontakt mit dieser Person habe. Damals hat er mich ziemlich stark verletzt und er war naiv und dumm. Wir waren Kinder und dennoch hat er mein Vertrauen verletzt. Ich hatte einige Zeit danach einmal versucht Kontakt zu ihm wieder aufzubauen, aber er blieb in meinen Augen sehr arrogant und uneinsichtig.
7 Jahre nach der Trennung sind wir nun beide unglaublich weiter gekommen und haben uns sehr verändert. Dennoch konnten wir innerhalb einer Woche schriftlichen Kontakt unser vollstes Vertrauen in den anderen wiederfinden. Obwohl wir uns jetzt nach 7 Jahren kaum noch kennen müssten, fühlt es sich für uns beide so an, als wäre kaum Zeit dazwischen gewesen. Bei unserem ersten Wiedersehen sprachen wir über die intimsten Sachen, erzählten uns alles Wichtige und konnten sofort zu einander finden. Diese Vertrautheit überrascht uns beide und dennoch war es sehr angenehm. Körperlich standen wir uns auch näher als so manchen Freunden, die wir gerade einmal zur Begrüßung umarmen. Ich weiß nicht was sich aus dieser Vertrautheit noch entwickelt, aber ich freue mich sehr darüber, dass es uns gelungen ist, so miteinander umzugehen. Man könnte sagen, dass die erste Liebe immer etwas besonderes ist, korrekt, aber ist dann nach so vielen Jahren wirklich so oft so viel Vertrauen wieder da?

"Nichts schuf engere Vertrautheit als Schweigen" - Graham Greene