Meine einzige Möglichkeit war es, ihn nochmal zu sehen. Wenn er mich wieder zurückweisen würde, weiß ich, dass alle Hoffnungen nach ihm eine Illusion waren und werde es leichter schaffen, dieser zu entkommen. "Und wenn er dich nicht zurückweisen wird?", sagten mir meine engsten Personen. Sie wussten, wie sehr ich mich nach ihm sehnte und hatten Angst von mir weggestoßen zu werden, falls er mich doch wollen würde. Sie rieten mir, einfach ohne ihn weiter zu machen oder mich vollkommen abzunabeln. Ich sollte versuchen, ihn zu vergessen und nach einem Ersatz für ihn suchen. Ich fühlte mich so unverstanden. Ich wusste, dass aus ihnen die Ängste sprachen, aber ich dachte auch, dass sie meine Sehnsucht nach ihm einordnen könnten. Es war paradox von ihnen Verständnis zu erwarten. Also informierte ich sie, dass ich ihn sehen möchte und danach möglicherweise in ein tiefes Loch fallen würde, falls er mich ablehne. Sie sagten, ich solle es nicht tun und dass ich vorsichtig sein sollte, falls ich es doch tat.
Ich tat es.
Ich besuchte ihn ohne Vorwarnung. Auf dem Weg dorthin bekam ich Angst und zitterte ich immer stärker. Mein Fahrer, ein neu gewonnener Freund, beruhigte mich und meinte, dass er in der Nähe bliebe, falls es schief gehen sollte. Ich stieg aus dem Wagen und lief zur Haustür. Nach 3 Sekunden und hunderten Gedanken klingelte ich. Ich hoffte, dass er da war, aber ich konnte nicht sagen, wie ich reagieren würde, wenn er wirklich öffnet. In diesem Moment ging die Tür auf. Er lächelte und sprach überrascht meinen Namen. Er bat mich nach innen und fragte, ob ich einen Tee trinken mochte. Da stieg mir sein Geruch in die Nase. Genau wie ich ihn in Erinnerung behielt. Ich zitterte noch immer während er den Tee bereitete und sagte, dass es zwar überrascht, aber sehr erfreut über meinen Besuch sei. Ich umarmte ihn. Es war himmlisch, aber viel zu kurz. Dann fingen wir an zu reden. Über alles. So wie es schon immer war. Trotz meinem Vertrauen ihm gegenüber wirkte das alles so befremdlich. Ich hatte ihn so vermisst und ich würde es weiter tun. Ich sagte ihm, dass mich seine Abwesenheit sehr verletzte und ich oft von ihm träumen musste. Er entschuldigte sich. Er wusste nicht, dass es so etwas starkes in mir auslösen würde. Er dachte damals, dass es das Beste für uns gewesen sei. Ich hörte ihm gespannt zu und er lauschte mir. Er fragte nach. Er schien sich wirklich zu freuen und sich für mich zu interessieren.
Nach einer Tasse Tee und so vielen Themen in der Kürze der Zeit, bat er mich zu gehen. Ich wusste, dass er sehr im Stress sein würde, wenn ich käme und so freute ich mich über die halbe Stunde, die er sich für mich Zeit nahm. Ich ging und fühlte mich so viel unbeschwerter als zuvor. Ich war glücklich. Aber ich war nicht verliebt. Nicht in ihn. Ich weiß, dass es nie wieder so sein wird, wie es mal war. Es ist eine platonische Bindung geworden - keine erotische.
Nach dem Treffen war ich um 200 Prozent fröhlicher, wenn es reichte. Ich war allerdings auch sehr nachdenklich. Ich weiß bis heute, einige Tage später, nicht, was er für mich ist. Ich weiß aber, dass mich dieses Treffen unglaublich stark machte und mir zeigte, dass meine ganzen Zweifel über das Abweisen seinerseits unbegründet war. Ich würde diese Beziehung einseitig halten, wenn ich eine zuließe, aber er würde mich nicht weg stoßen. So kam ich zu folgenden Gedanken:
Ich möchte nicht, das mich jemand wegen einer verflossenen Freundschaft aufgeben muss oder davor Angst hat. Ich mochte ihn nicht zurück haben oder erobern. Ich möchte ihn verarbeiten und muss kein Leben mit ihm haben. Wenn wir uns wieder befreunden, soll es so sein, aber es muss nicht mehr so sein, wie es mal war. Man wächst mit seinen Aufgaben und er ist eine, die mir viel Kraft kostete und noch kosten wird, aber er ist bestimmt nicht mein Lebensinhalt. Auch wenn ich nie aufhören werde, etwas zu empfinden, hat er nicht die Macht über mich zu entscheiden und meine Gefühle zu bestimmen. Nicht mehr. Mir geht es jetzt besser, als ich ihn gesehen habe, ja. Aber ich werde mich nicht mehr von ihm abhängig machen. Ich führe mein eigenes Leben. Er bleibt mein Kryptonit und erlangt eine platonische Liebe. So ist es besser - aber es wird nie mehr so (schön/ intensiv/ bedingungslos) wie früher.
Ich bin sehr froh, auf mein Bauchgefühl gehört zu haben und ihn getroffen habe. Es hilft mir, nicht mehr so sehr trauern zu müssen, wie ich es in dem letzten Jahr tat. Auch wenn ich sehr große Angst davor habe, dass er sich auch jetzt nicht melden wird und mich wieder fallen lässt, habe ich erst einmal wieder Kraft um glücklich weiter zu machen. Meine Freunde und Familie ist für mich da. Und dafür danke ich ihnen. Besonders danke ich den zwei Menschen, die mich lieben und es schaffen in einer Partnerschaft mit mir zu sein. Ihr gehört zu meiner Familie <3 Und so ist es besser und nicht mehr so wie früher.