Sonntag, 23. Juli 2017

Plötzlich und dann damit gerechnet

Ich weiß noch gar nicht richtig, was ich schreiben soll.
Sonst schreibe ich über klare Emotionen, vielleicht auch einfach nur über Gedanken, aber jetzt weiß ich es nicht.

Ich weiß nicht, was ich empfinden soll und ich kann nicht sagen, worüber ich nachdenke. Es überschlägt sich alles. Die Zeit rennt und ist so vergänglich. Ich kann nicht fassen, was um mich herum passiert.

Es war der Todestag meiner geliebten Uroma.
Ich befand mich mitten in den letzten Prüfungsvorbereitungen für die erste Prüfung meines Semesters als ich eine Nachricht bekam. Ich war überrascht - und dann öffnete ich diese Benachrichtigung. Es ließ mich erschaudern und ab da empfand ich irgendwie nichts mehr.
Mein Opa liegt im Sterben. Krebs, aber diesmal im Endstadium und an einer anderen Stelle. Niemand weiß wie lange ihm noch bleiben würde.

Ich kann ihn nicht besuchen. Ich habe keine besonders gute Bindung zu ihm und ich will ihn dann erst Recht nicht im Sterben sehen. Ich möchte ihn in Erinnerung behalten, wie ich ihn aus einen der seltenen familiären Momente kenne.
Trotz der Distanz muss ich an diesem Abend die ganze Zeit weinen. Es überschlägt sich: Prüfungsstress, Alleinsein, Gewitter, Todestag und diese schreckliche Information. Ich kann es nicht einordnen, woran es liegt, aber muss weinen. Wegen Opa aber bin ich erstaunlich gefasst - denke ich.

Ich schreibe am nächsten Morgen meine Prüfung und denke in jeder Minute ohne Konzentration auf die Aufgaben daran, ob es denn schon neue Erkenntnisse gäbe und ob man mir nur nicht Bescheid gibt, weil ich in einer Prüfungssituation bin. Meine Augen sind aufgequollen und weniger geöffnet als sonst.
Es macht mich ein wenig sauer, dass ich es erst so spät erfahren habe. Zumindest glaube ich, dass sauer das passendste Wort ist. Ich hätte ihn vielleicht eben doch besucht, wenn ich mich ein wenig darauf hätte einstellen können - so wie der Rest der Familie. Mir sagte man einfach nicht Bescheid.

Nun rechne ich jedem Moment mit dem nächsten Anruf.
Ich bekomme Schweißausbrüche und Kreislaufbeschwerden. Ich möchte ihn besuchen, kippe aber selber fast um und traue es mir nicht zu.
Abend bin ich bei Freunden, weil ich mich selbst nicht wieder fit bekommen habe und mich ablenken will.

Es ist kurz nach Mitternacht. Meine Schwester bekommt einen Anruf. Sie sagt mir nicht von wem, aber ich erkenne, dass es ein kurzer Name ist.
Ich rechne mit DEM Anruf. Sie bittet mich zu sich und überreicht mir das Telefon. Ich gehe ran und vernehme eine bekannte Stimme. Im gleichen Augenblick fängt meine Schwester im Nebenraum an zu weinen. Die Worte am Telefon verblassen und ich nehme die Nachricht gar nicht richtig auf, aber ich weiß genau was hier los ist.
Ich beende das Gespräch und bewege mich wie ferngesteuert in Richtung meiner Schwester und nehme sie in meine Arme. Ich halte sie ganz fest.
Es wird besser.

Jetzt - 2 Tage später habe ich noch immer nicht geweint. Es trifft mich dennoch auf eine komische Art und Weise. Beim Schreiben füllen sich meine Augen mit Tränen, aber keine Emotionen, die mich zu übermannen versuchen. Ich bin noch immer gefasst.
Ich weiß nicht wirklich was ich schreibe. Ich weiß nicht was ich empfinde. Ich weiß nicht, wie es jetzt weiter geht.
Ich habe das Gefühl, dass seit der Prüfung vielleicht 10 Stunden vergangen sind, aber ich habe schon zwei Nächte versucht zu schlafen. Es müssen also schon Tage sein.

Ist es der Tod, der mir die Emotionen nimmt oder sind sie mit dem Verlust meines Opas einher-"gegangen"? Ich habe das Gefühl in einer Schockstarre zu sein, obwohl ich weiterhin funktioniere. (Ob ich die nächste Prüfung jedoch schaffe, weiß ich nicht.)
Oder ist es so, dass ich mit der Situation gut umgehen kann? Ich weiß es nicht.

Es ist der zweite Verlust innerhalb meiner Erinnerungen, den meine Familie erfahren muss. Bin ich deswegen so abgeklärt? Sind meine Emotionen durch den Todestag schon so sehr verbraucht? Erreicht es nicht das gleiche "Level"? Oder liegt es an der Tatsache, dass man manche Menschen eher loslassen kann? (siehe Post vom 22.07.2016)

Ich wünsche mir, dass ich für meine Familie stark sein kann.
Und jetzt die ersten Tränen.